Sachinformation Nr. 114

 

Förderung einer nachhaltigen Land- und Forstwirtschaft 
sowie ländlichen Entwicklung

Definitionen
Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit: vier Interpretationen
(heureka)

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist noch kein Konzept, und es ist zu befürchten, dass der Begriff ebenso unbestimmt bleibt wie der des "qualitativen Wachstums", der vor 20 Jahren die umwelt- und wirtschaftspolitische Debatte bestimmte, jedoch praktisch wenig bewirken konnte. Wollte man ernsthaft daran gehen, den Begriff zu operationalisieren, muss man sich zwischen den folgenden - grundverschiedenen - Interpretationen entscheiden:

1. Nachhaltigkeit als Forderung nach einer Erhaltung des physischen Naturbestands,
2. Nachhaltigkeit als Forderung nach einer Erhaltung der Funktionen des
     gegenwärtigen Naturbestands,
3. Nachhaltigkeit als Forderung nach einer Sicherung der Grundbedürfnisse
     zukünftiger Generationen,
4. Nachhaltigkeit als Forderung nach einer aktiven Vorsorge für die Bedürfnisse
     zukünftiger Generationen.

 

Interpretationen

regenerierbarbare Ressourcen

In der ersten Interpretation würde Nachhaltigkeit besagen, dass sich jedes Land soweit wirtschaftlich entwickeln darf, wie der Gesamtbestand an globalen Ressourcen dadurch nicht vermindert wird. Ähnlich wie in John Lockes Eigentumstheorie die ursprüngliche Aneignung von Land lediglich in dem Maße gerechtfertigt ist, als anderen "enough, and as good" verbleibt, soll jede Generation die vorhandenen Ressourcen nur in dem Maße nutzen dürfen, als der nächsten Generation Ressourcen derselben Quantität und Qualität verbleiben. Das bedeutet konkret, dass regenerierbarbare Ressourcen mit keiner höheren Rate genutzt werden, als sie nachwachsen (jeder geschlagene Baum wird durch einen neu gepflanzten ersetzt), dass nicht-regenerierbare Ressourcen durch regenerierbare Ressourcen ersetzt werden (für jedes verbrauchte Barrel Rohöl werden 1000 Bäume neu gepflanzt) bzw. durch Wissenszuwächse und technische Verbesserungen, die die Substitution oder vermehrte Ausbeute und Nutzung nicht- regenerierbarer Ressourcen erlauben, und dass die ökologischen Spielräume für die Absorption von Schadstoffen und Abfällen erhalten bleiben.

Einer der Gründe, weswegen sich viele Theoretiker der nachhaltigen Entwicklung von dieser Interpretation angezogen fühlen, ist darin zu sehen, dass sie keinerlei Bewertung des zu erhaltenden Naturkapitals erfordert und damit die mit einer Bewertung verbundenen Informationsprobleme zu umgehen erlaubt.

Sieht man von diesem eher technischen Aspekt ab, erscheint die zweite Interpretation, die sich statt auf materiale auf funktionale Größen bezieht, allerdings vorzugswürdig. Denn anders als die ersten Interpretation lässt sie eine Substitution verlorengegangener Naturbestandteile durch funktionale Äquivalente zu. Es kann ja nicht darauf ankommen, dass eine bestimmte Menge eines Naturstoffs oder jede einzelne biologische Art erhalten bleibt, sondern dass die Funktionen (einschließlich der ökologischen, ästhetischen und kulturellen Funktionen) dieser Naturbestandteile erhalten bleiben. Unterscheiden sich zwei verschiedene Stoffmengen oder biologische Arten in keiner ihrer Funktionen (einschließlich ihrer kulturell definierten, etwa ästhetischen oder pädagogischen Funktionen), ist nicht ersichtlich, warum beide um den Preis anderweitiger Nutzungsverzichte erhalten bleiben müssen. Man könnte allerdings - im Anschluss an Pearce, Barbier und Markandya[31] - argumentieren, dass angesichts der Unkenntnis über spätere mögliche Funktionen biologischer Arten und anderer Naturbestandteile und angesichts der sicheren oder möglichen Irreversibilität des Verlusts eine risikoaversive Strategie angezeigt ist und man deshalb etwa die Zerstörung auch nur einer einzigen biologischen Art nicht zulassen sollte. Aber selbst wenn man dies im Prinzip zugeben muss, müsste doch zugestanden werden (was auch die Vertreter eines ansonsten rigiden safe minimum standard zugestehen[32]), dass zumindest die Zerstörung einer Art immer dann zugelassen werden sollte, wenn sie andernfalls nur mit einem prohibitiv hohen Aufwand zu schützen wäre.

Auch im Verständnis der Forstwirtschaft beginnt sich eine funktionale Interpretation von Nachhaltigkeit durchzusetzen. Der Wald soll nicht mehr nur als Holzbestand, sondern als multifunktionales Naturgut erhalten werden.[33] Innerhalb der aktuellen Diskussion beinhaltet die Definition der Nachhaltigkeit deshalb neben einer Bestands- eine Flusskomponente. Die "dauerhafte Erhaltung der Waldfläche" als Bestandsgröße ist lediglich eine wesentliche Bedingung für die "Fortdauer des Walddienstes" als Flussgröße. Darüber hinaus rücken die diversen "immateriellen Waldleistungen" in Form von Schutzdiensten (Schutz vor Steinschlag, Lawinen und Überschwemmungen) stärker ins Blickfeld. Es geht heute um die "[ ... ] notwendige Erhaltung und Gesunderhaltung der Biosysteme als Voraussetzung für eine nachhaltige Bewirtschaftung der Naturgüter."[34] Neben dem reinen Holzertrag entfaltet der Wald eine "Wohlfahrtswirkung" in Gestalt von positiven Auswirkungen auf das Klima, den Wasserhaushalt, die Reinhaltung der Luft und als Lebensraum für Pflanzen und Tier, schließlich auch als Erholungsoption für den Menschen.[35]

Sowohl in der Bestands- als auch in der funktionalen Interpretation dürfte der minimalistische Standard der Nachhaltigkeit politisch nur mit größter Mühe durchzusetzen sein. Unter ethischen Gesichtspunkten ist er jedoch in beiden Interpretationen noch immer allzu minimalistisch. Das dürfte aus den folgenden Überlegungen klar werden:

Erstens erlaubt dieser Standard, auch dann auf mögliche Verbesserungen der Lage der späteren Generationen zu verzichten, wenn sich relativ große Wohlfahrtsverbesserungen für spätere Generationen mit relativ geringfügigen Investitionen oder Nutzungsverzichten erreichen lassen. Das ist etwa dann der Fall, wenn damit zu rechnen ist, dass die späteren Generationen die ihr überlassenen Ressourcen sehr viel effektiver nutzen können als die gegenwärtige. So könnte es sich aus Sicht der späteren Generationen als eine grandiose Verschwendung darstellen, dass die begrenzten Vorräte an Erdöl gegenwärtig überwiegend als Treibstoff genutzt werden, statt dass das Erdöl ausschließlich als chemischen Rohstoff genutzt und die begrenzten Vorräte damit über die Folge der kommenden Generationen zu weit "gestreckt" würden.

Zweitens berücksichtigt der minimalistische Standard die absehbare - und kurzfristig nicht zu verhindernde - globale Zunahme der Bevölkerung nicht. Wenn die nächste Generation über denselben Ressourcenbestand wie die gegenwärtige verfügt, aber über eine um die Hälfte größere Bevölkerung (und die darauffolgende über eine zweimal so große Bevölkerung), sind bei Befolgung der minimalistischen Strategie die Angehörigen der nächsten Generationen vor Katastrophen keineswegs sicher. Gregory Kavka[36] hat deshalb vorgeschlagen, den Lockean Standard so zu formulieren, dass nicht die Generationen, sondern die Angehörigen von Generationen über jeweils dieselben Ressourcen verfügen. In dieser Interpretation fordert der Standard der Nachhaltigkeit unter den bestehenden Bedingungen sehr viel höhere Vorsorgeleistungen als in den ersten beiden Interpretationen.

Man kann dabei wiederum unterscheiden zwischen der schwächeren Interpretation 3, die eine Vorsorge lediglich für die Grundbedürfnisse der Angehörigen späterer Generationen fordert, und der stärkeren Interpretation 4, die mehr oder weniger mit dem utilitaristischen Standard zusammenfällt. Die Interpretation 3 lässt sich rekonstruieren als eine intergenerationelle Version des sogenannten negativen Utilitarismus[37] der eine Verpflichtung zur Befriedigung der Bedürfnisse anderer lediglich bis zur Schwelle der Vermeidung und Linderung ausgesprochener Notlagen fordert. Diese Interpretation dürfte dem Begriff der "nachhaltigen Entwicklung", wie er sich im Brundtland-Bericht findet, semantisch am nächsten kommen. Die grundlegende Definition des Berichts lautet: "Dauerhafte Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen dürfen."[38]

Wie dieses Ziel politisch umgesetzt werden kann, ist noch völlig unklar. Den Durchbruch zu einer nachhaltigen Entwicklung soll dem Brundtland-Bericht zufolge eine Wachstumsstrategie bringen, die durch Energieeinsparung, Substitutions- und Umweltschutztechnologien dafür sorgt, dass die Entwicklungsländer einen adäquaten Lebensstandard erreichen, ohne dass die globale Umweltzerstörung zunimmt: "Diese Wachstumsraten können dauerhaft in bezug auf die Umwelt sein, wenn die Industrienationen weiterhin wie kürzlich ihr Wachstum derart verändern, dass weniger material- und energieintensiv gearbeitet wird und dass die effiziente Nutzung von Materialien und Energien verbessert wird."[39] Bei Experten wie Daly, Goodland und von Weizsäcker überwiegt jedoch vorerst die Skepsis, dass wirtschaftliches Wachstum mit einem Verzicht auf zunehmende Ressourcennutzung und Umweltbelastung verbunden werden kann.[40] Anstatt zur ökologischen Gesundung zu führen, würde eine Beibehaltung der Orientierung am Lebensstandard der Industrienationen, wie sie in zahlreichen Dritte-Welt-Staaten besteht, eher den sicheren ökologischen Untergang der Menschheit nach sich ziehen.[41]

Bisher weitgehend ungelöst ist das Motivationsproblem. Psychologisch spricht alles gegen eine Praktikabilität von Zukunftsverantwortung, vor allem die Unmöglichkeit einer Vergeltung ethisch motivierter Vorleistungen durch entsprechende Gegenleistungen, die Anonymität der Zukünftigen und die Unsicherheiten des prognostischen Wissens. Wie könnte die Motivation zur Zukunftsvorsorge dennoch gefördert werden? Wichtig scheint, ein Bewusstsein der eigenen zeitlichen Position in der Kette der Generationen zu entwickeln und ein generationenübergreifendes Gefühl der Gemeinschaft wenn nicht mit der ganzen Menschheit, so doch mit einer begrenzten kulturellen, nationalen oder regionalen Gruppe auszubilden, um daraus eine Einstellung der Dankbarkeit in rückwärtiger und der Anerkennung von Vorsorgeverpflichtungen in zukünftiger Richtung zu gewinnen. Bewusstseinsveränderungen reichen aber sicher nicht aus. Politisch wäre die Repräsentation der (wahrscheinlichen) Bedürfnisse und Interessen zukünftiger Generation in gegenwärtigen Entscheidungen durch die Institution eines Ombudsmann für zukünftige Generationen auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene ein Schritt in die richtige Richtung. Auch könnte die Institution der Verbandsklage über die Belange der Natur hinaus auf die Belange zukünftiger Generationen ausgedehnt und dadurch auch staatliches Handeln auf seine "Zukunftsverträglichkeit" hin überprüft werden. Zur Kontrolle und Sanktionierung der "Zukunftsvergessenheit" nationalstaatlichen Handelns wäre darüber hinaus ein Weltgerichtshof[42] die beste Option. Aber auch bereits eine Kommission, vergleichbar der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen, die über keine Sanktionsmacht verfügt, wäre hilfreich, indem sie Verletzungen der Interessen Zukünftiger (wie die Rodung großer Teile des tropischen Regenwalds, die Desertifikation oder die Emission von Treibhausgasen) zumindest publik machen und Vertragsverstöße anprangern könnte.

 

Regenerierbarkeit

Literatur

31 Pearce/Barbier/Markandya 1990, xx
32 vgl. Bishop 1980, 210
33 vgl. Dürr 1992, 61, Minsch 1993, 11f.
34 vgl. Henning 1991, 40
35 vgl. ebd., 19
36 Kavka 1978
37 vgl. Griffin 1979
38 Hauff 1987, 46
39 ebd., 55
40 vgl. Daly 1992, 1ff.;Goodland/Daly/Serafy/Droste 1992, 12; von  Weizsäcker 1990,3ff.
41 vgl. Harborth 1992, 40
42 vgl. Brown-Weiss 1989, 121

Literatur

 
© Walter Janka im Auftrag der DSD AG 2001